Die Türkei konzentriert sich nach dem Aus im F-35-Programm auf seinen eigenen Stealth-Kampfjet und hat dessen Bau zum „wichtigsten Projekt“ des Landes erklärt. Der neue Fighter soll 2025 startklar sein – und mit Hilfe künstlicher Intelligenz den Piloten entlasten.

Die Türkei treibt energisch ihre hauseigenen Rüstungsprojekte voran. Temel Kotil, Generaldirektor von Turkish Aerospace Industries (TAI), erklärte jüngst in Istanbul am Rande einer Konferenz, sein Unternehmen habe derzeit drei Flugzeuge, sechs Hubschrauber sowie zwei unbemannte Luftfahrzeuge in der Pipeline. Auch die Satellitenprogramme werde man fortführen. Wichtigstes Projekt aber, unterstrich Kotil, sei nach wie vor der türkische Kampfjet der fünften Generation, von dem TAI auf dem Pariser Aérosalon im Juni 2019 erstmals ein lebensgroßes Mockup präsentierte.




Turkish Aerospace Industries

Der „Turkish Fighter“ ist das ambitionierteste und umfangreichste Projekt, das die türkische Luftfahrtindustrie derzeit in petto hat.

Großprojekt ersten Ranges

Etwa 3.000 Mitarbeiter seien bei TAI für das „Milli Muharip Uçak“ (MMU, zu Deutsch: „Nationales Kampfflugzeug“) eingeplant, erklärte Kotil. Hinzu kämen rund 3.000 weitere Personen in diversen Zulieferbetrieben. Sie sollen dem Traum der Türkei vom eigenen Kampfjet schon bald Leben einhauchen: 2025 plant TAI den Erstflug des Stealth-Fighters, der international bislang als TF-X („Turkish Fighter Experimental“) firmierte. Auf der Konferenz in Istanbul steckte TAI-Chef Kotil außerdem weitere Eckdaten des geplanten Fighters ab, der einmal die F-16 und die veralteten F-4 Phantom II bei der türkischen Luftwaffe ablösen soll.




Patrick Zwerger

Im Cockpit des MMU soll Künstliche Intelligenz dem Piloten die Arbeit erleichtern.

Künstliche Intelligenz im Cockpit

Demnach ist das MMU, ähnlich wie die F-22 oder die F-35 aus den USA, als reiner Einsitzer geplant. Allerdings soll dem Piloten eine hochentwickelte Künstliche Intelligenz im Flug die Arbeit erleichtern und als „zweiter Pilot“ fungieren, wie es Temel Kotil ausdrückte. Darüber hinaus soll der Kampfjet zu möglichst großen Teilen aus einheimischen Komponenten gefertigt sein, um sich unabhängiger vom Ausland zu machen – und das MMU bei Bedarf auch an „befreundete Länder“ verkaufen zu können, ohne Sanktionen fürchten zu müssen. Systeme, Sensorik und Avionik kommen laut Kotil aus der Türkei. Das Fahrwerk werde von einem italienisch-türkischen Joint-Venture entwickelt, wobei das geistige Eigentum auf türkischer Seite liege. Die Produktion des MMU soll sich außerdem auch auf additive Fertigungsverfahren stützen.



Patrick Zwerger

Welche Triebwerke den türkischen Stealth-Fighter einmal antreiben, ist noch unklar. Sicher ist: es werden zwei sein.

Gretchenfrage Triebwerk

Einen nationalen Alleingang strebt TAI beim Antrieb seines Stealth-Fighters an. Zwar ist die angedachte Partnerschaft mit Rolls-Royce zur Entwicklung eines passenden Triebwerks laut İsmail Demir, dem Präsidenten der türkischen Verteidigungsindustrie, noch nicht vom Tisch. Allerdings hätten die Briten zuletzt einige Bedingungen gestellt, „die wir nicht akzeptieren konnten“, so Demir. Der Ball liege nun wieder bei Rolls-Royce. Nach Angaben des britischen Botschafters in der Türkei, Dominick Chilcott hegt Rolls-Royce nach wie vor Hoffnung, „einen neuen Motor“ für das MMU zu entwickeln. Jedoch treibt die Türkei auch die Entwicklung eines eigenen Triebwerks weiter voran, das federführend vom Unternehmen TR Motor kommen soll. Dieses ist aber, nach derzeitigem Planungsstand, frühestens 2029 einsatzbereit. Deshalb trägt sich TAI derzeit mit Überlegungen, die ersten Exemplare seines MMU zunächst mit einer bereits existierenden Triebwerkslösung auszustatten. Möglich wäre etwa das russische AL-31F von NPO Saturn, das auch die Suchoi Su-57 antrteibt. US-Lösungen, wie das General Electric F110, scheinen eher unwahrscheinlich zum gegenwärtigen Zeitpunkt.




Patrick Zwerger

Die Türkei profitiert bei der Entwicklung des MMU auch von Erfahrungswerten, die sie durch die Teilhabe am F-35-Programm erworben hat.

80 bis 100 Millionen Dollar Stückpreis

Für die Serienausführung des Kampfjets nennt TAI ehrgeizige Rahmendaten. Dazu zählt Supercruise, also die Fähigkeit, auch ohne Nachbrenner schneller als Mach 1 zu fliegen. Das MMU soll es ohne Nachbrennerschub sogar bis auf Mach 1,4 schaffen. Die Tarnkappen-Eigenschaften des Fighters sollen einerseits durch das Design, andererseits aber auch durch eine spezielle, radarabsorbierende Beschichtung der Oberflächen garantiert werden – einschließlich der Cockpithaube. Insgesamt soll das MMU leistungstechnisch zwischen der F-35 und der F-22 rangieren und in der Anschaffung pro Stück zwischen 80 und 100 Millionen US-Dollar kosten. „Unser Ziel ist es, den Preis unter 80 Millionen Dollar zu bringen“, ergänzte İsmail Demir. Den Bedarf der türkischen Luftwaffe für den einheimischen Kampfjet schätzt TAI auf langfristig 150 bis 200 Exemplare. Bis zu 24 Maschinen will TAI nach Erlangung der Serienreife pro Jahr herstellen. Das erste MMU könnte im Idealfall 2029 übergeben werden.


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