Im Winter 1973 musste eine Douglas C-117D der US Navy auf einem Lavastrand im Süden Islands notlanden – und liegt dort noch immer. Heute zieht das Wrack mehr und mehr Touristen an. Kaum einer von ihnen weiß, was damals wirklich passierte.

Südisland, 21. November 1973. Mittwoch. Früher Nachmittag. Bedrohlich jagen die Schatten dunkler Wolken Richtung Mýrdalsjökull, hüllen das Gebiet um Islands viertgrößten Gletscher in einen schwarzgrauen Mantel. Nasskalte Winde fegen mit fast 100 Stundenkilometern vom Meer aus übers Land. Vor Minuten war noch alles ruhig, fast friedlich – nun möchte hier niemand mehr freiwillig vor die Tür. Doch James Wicke und Gregory Fletcher, die Piloten der Douglas C-117D „Skytrain“ der US Navy, die kurz nach Mittag im 300 Kilometer entfernten Hornafjörður mit Kurs Keflavik gestartet ist, haben keine Wahl: Sie müssen da jetzt durch!




US Marine Corps

Eine Douglas C-117D des US Marine Corps. Eine baugleiche Maschine, allerdings von der Navy, legte im November 1973 am Strand eine Bruchlandung hin.

Bruchlandung statt Feierabend

In Hornafjörður haben sie Ausrüstung für die nahegelegene Radarstation in Stokksnes abgeliefert. Nun schaukeln sie, den Winterstürmen trotzend, bangen Blicks in ihrer Skytrain dem Feierabend entgegen. Doch daraus wird nichts: Plötzlich beginnen die beiden Wright-Sternmotoren des Frachters bedrohlich zu stottern. Die Vergaser frieren ein! Das Brummen der Triebwerke verebbt, mündet in ein wüstes Röcheln, bis es schließlich ganz vom Rauschen des Fahrtwinds verschluckt wird. Eine unwirkliche Stille bricht sich Bahn. Verzweifelt versuchen Wicke und Fletcher, die Motoren neu zu starten. Ohne Erfolg. Als sie in knapp 800 Metern Höhe aus den Wolken stoßen, wird ihnen klar: Bis nach Keflavik werden sie nicht mehr kommen. Sie müssen notlanden. Aber wo? Die Gegend hier ist alles andere als einladend – kalte Lava, Steine, Felsen. Nebenan in der aufgepeitschten See lauert ebenfalls der Tod. Zerschellen oder ertrinken? Es ist einerlei. Doch – was ist das? Ein Strand? Ja, tatsächlich. Hier muss es gehen!




Patrick Zwerger

Zerzaust und ausgweidet, ohne Heck und ohne Flügel: Die Reste der Skytrain liegen seit über 47 Jahren im schwarzen Sand von Sólheimasandur.

Besatzung gerettet, Flugzeug bleibt liegen

Unter ächzendem Krachen setzt die Skytrain wenig später ihren silbergrauen Rumpf in den schwarzen Sand von Sólheimasandur, irgendwo zwischen den Orten Skógar und Vík. Bäuchlings zieht sie ihre Furche – das Fahrwerk haben die Piloten gar nicht erst ausgefahren, um einen Überschlag zu vermeiden. Besser so: Der sandige Untergrund bremst die Maschine rasch aus, schon nach knapp 30 Metern kommt der flügellahme Silbervogel zum Stehen. Und während die Mannschaft des Flugzeugs sich den Schreck aus den Gliedern schüttelt und noch am selben Tag unverletzt von Suchtrupps der US Navy aufgegabelt wird, bleibt die Douglas C-117D mit der Kennung 17171 an Ort und Stelle zurück. Gleich in der ersten Nacht wird sie von der Flut überspült. Bergungsteams ziehen das Wrack deshalb bald darauf ein Stück ins Landesinnere. Dort schließlich lassen sie es liegen – bis heute.


Justin Bieber und die Touristen

Fast fünf Jahrzehnte später ist das Wrack der Maschine zu einem der bekanntesten Orte Islands mutiert. Seit vor Jahren die ersten Fotos im Internet die Runde machten, steht das zerfledderte Flugzeug ganz oben auf der Liste vieler Touristen. Selbst Teeniestar Justin Bieber besuchte den gespenstischen Ort 2015 und rollte für sein Musikvideo „I’ll show you“ mit dem Skateboard über das Blechfossil. Der Ansturm wurde letztlich so groß, dass die örtlichen Landbesitzer den Bereich um „ihr“ Flugzeug weiträumig für Autos sperrten. Der Zugang ist seither nur noch zu Fuß von der Ringstraße aus möglich – je vier Kilometer hin und zurück.




Screenshot Youtube

Popstar Justin Bieber nutzte das Wrack 2015 als Kulisse für ein Musikvideo.

Mythen und Legenden

Trotz – oder gerade wegen – der großen Bekanntheit ranken sich um die Hintergründe des Crashs jede Menge Mythen. Besonders verbreitet ist die These, dass der Maschine der Sprit ausging oder einer der Piloten irrtümlich auf einen falschen Tank umschaltete – und den Triebwerken damit den Saft abdrehte. Eine große deutsche Autozeitschrift verstieg sich vor Jahren gar zu der Behauptung, das Flugzeug sei im Zweiten Weltkrieg in einen Gletscher gestürzt und erst Jahre später wieder aufgetaucht. Ein Artikel aus der isländischen Tageszeitung „Morgunblaðið“ vom 22. November 1973 und die Notizen von Fridthor Eydal, bis 2006 Pressesprecher der US-amerikanischen Iceland Defense Force (IDF) in Keflavik, deuten jedoch darauf hin, dass sich die letzten Minuten der Skytrain 17171 tatsächlich so abgespielt haben, wie eingangs beschrieben.


Lager, Schießstand, Sommerhaus

Die Geschichte des Flugzeugs, das 1944 als gewöhnliche C-47 die Douglas-Werkshallen verließ, 1952 zur C-117D umgebaut wurde und zum Zeitpunkt des Unfalls fast 30 Jahre auf dem Buckel hatte, ist damit jedoch nicht zu Ende erzählt. Nachdem die Besatzung gerettet war, machten sich die Navy-Soldaten rasch daran, die Maschine nach allen Regeln der Kunst auszuweiden. Alles, was noch irgendwie brauchbar schien, wurde abmontiert, darunter die Tragflächen, die Motoren und die Instrumente im Cockpit. Das in den Tanks verbliebene Flugbenzin durften die freiwilligen Helfer des isländischen Such- und Rettungsdiensts für ihre Motorschlitten abpumpen. Dann war der Spuk vorbei. Das Militär zog von dannen. Zurück blieb eine verbeulte Blechhülle.




Ruud Leeuw

Das Heck der gestrandeten Skytrain komplettierte das Sommerhaus eines Isländers, das dieser aus einer anderen bruchgelandeten C-117D gebaut hatte.

Lager, Schießstand, Sommerhaus

Der verlassene Navy-Transporter diente in der Folgezeit einem örtlichen Farmer als Lagerplatz für Treibholz, später als Zielscheibe für freizeitliche Schießübungen. Die zahlreichen Einschusslöcher im Rumpf zeugen noch heute davon. Das Heck des Flugzeugs, feinsäuberlich abgetrennt, komplettiert derweil seit Ende der Achtziger das Wrack einer zweiten C-117D, die einige Wochen nach „Nummer 17171“ beim Start vom Flugplatz Hornafjörður zu Bruch ging. Dort erwarb sie 1984 Helgi Jonsson, transportierte sie per Lkw in seine Heimat Hoffell und baute sie gemeinsam mit seinem Vater zur Sommerresidenz aus. Mehrere isländische Zeitungen und Magazine berichteten ausführlich über diesen ungewöhnlichen Bau.


Ein Wrack unter vielen

Die beiden Skytrains waren bei Weitem nicht die einzigen Flugzeuge, die das US-Militär in Island abschreiben musste. Über 200 Totalverluste soll es allein zwischen 1941 und 1973 gegeben haben – hauptsächlich dem wechselhaften Wetter geschuldet. Viele der Wracks liegen noch heute an Ort und Stelle. Im Regelfall verzichteten die Isländer auf eine Bergung. „Es gab seitens der Behörden keine Notwendigkeit, sich um die Wracks zu kümmern“, erzählt Fridthor Eydal. „Zumindest, solange keiner der betroffenen Landbesitzer dies einklagte. Und soweit ich weiß, ist das tatsächlich nie geschehen. Die Leute haben damals einfach nicht in solchen Dimensionen gedacht.“




Patrick Zwerger

Im Inneren des Flugzeugs sieht es fast noch kläglicher aus als von draußen. Aber was will man auch erwarten, nach fast fünf Jahrzehnten?

Wertvoller Rohstoff

Stattdessen nahmen die Isländer sich des unverhofften „Blechregens“ auf ihre ganz eigene Weise an. Pragmatisch, wie sie sind, begannen sie, aus den Überbleibseln der Flugzeuge allerhand Nützliches zu basteln – Werkzeuge und Küchenutensilien zum Beispiel. „Metall war knapp in Island, wie alle anderen Rohstoffe auch“, macht der Historiker Ólafur Marteinsson klar. „Deshalb nutzten die Leute jede Gelegenheit.“ Manche machten sogar ein Geschäft daraus, sagt Marteinsson: „Wir wissen von einem Fall, in dem ein Mann für einen Dollar das Wrack einer Douglas C-47 erwarb und daraus im Anschluss jede Menge Kleinzeug baute: Töpfe und Pfannen in allen möglichen Größen, Kerzenhalter, Schachbretter, Schachfiguren und so weiter. Die Nachfrage muss ziemlich groß gewesen sein.“



Páll Jökull (www.palljokull.net)

Abends und in den frühen Morgenstunden hat man das Wrack samt der atemberaubenden Kulisse rundherum meistens für sich.

Ein magischer Ort

Die C-117 von Sólheimasandur rottet währenddessen weiter vor sich hin. Fast 50 Jahre isländisches Wetter haben dem Wrack stark zugesetzt, der Rumpf ist übersät von eingeritzten Namen und Sprüchen, die Menschen aus aller Welt dort hinterlassen haben. Doch auch wenn der Ort inzwischen weltbekannt ist, strahlt die Szenerie – vor allem in den Morgenstunden und am späten Abend, wenn man das Wrack ganz für sich hat – noch immer etwas Magisches aus: Der schwarze Sand. Die Weite. Die Stille. Und mittendrin das zerzauste Flugzeug, das schon von Weitem wie ein geheimnisvoller Schatz im Licht der Sonne funkelt. In den Sand legen, verharren – die Atmosphäre in sich aufsaugen. Kein Zweifel: Die acht Kilometer Fußmarsch sind es wert.


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