Im Fernen Osten Russlands residiert Aurora Airlines. Einst Tochter der Aeroflot, gehört der Regional-Carrier nun der Regierung von Sachalin und soll mit Flugzeugen russischer Bauart stark expandieren. Darunter auch mit einem neuen Muster, das es noch gar nicht gibt.

Die Zeichen stehen auf Ausbau – und zwar ganz massiv. Bis 2025, so der Plan der Regionalregierung von Sachalin, soll Aurora Airlines 45 neue Flugzeuge erhalten. Bis 2020 gehörte Aurora zu 51 Prozent dem russischen Flag Carrier Aeroflot und bediente vor allem „sozial bedeutende Routen“ im dünn besiedelten Fernen Osten. Diese Rolle soll die Airline künftig noch umfassender erfüllen, nachdem Sachalin der Aeroflot Ende vergangenen Jahres ihre Anteile zum Symbolpreis von einem Rubel abkaufte. Der Großteil der 45 neuen Flugzeuge soll dabei aus russischer Produktion stammen.




Patrick Zwerger

Als erstes russisches Flugzeugmuster erwartet Aurora noch Ende 2021 den ersten Suchoi Superjet.

Schwerpunkt auf russische Muster

Bereitgestellt werden diese Flugzeuge von der State Transport Leasing Company (STLC). Unter anderem sind laut STLC-Chef Jewgeni Dietrich acht Suchoi Superjet SSJ100, 19 werksneue Iljuschin Il-114-300 sowie eine nicht näher spezifizierte Anzahl Let 410 eingeplant. Die Ankunft des ersten Superjet in Sachalin steht noch für dieses Jahr im Kalender. Bis 2025 sollen dann jährlich ein bis drei weitere Exemplare des russischen Regionaljets an Aurora gehen, während die Lieferung der Il-114-300 frühestens 2023 beginnen kann. Erst für diesen Zeitraum ist nämlich der Markteintritt des neuen Turboprops geplant. Immerhin elf der 19 Il-114-300 sollen laut Auslieferungsplan bis Ende 2024 jedoch zu Aurora stoßen.




Iljuschin / Rostec

Auch 19 Iljuschin Il-114-300 sollen bis 2025 zur Aurora-Flotte stoßen.

Baikal-Flugzeug für Aurora

Unter den für Aurora Airliens vorgesehenen Flugzeugen findet sich aber noch ein weiteres Muster russischer Herkunft. Eines, das es bislang noch gar nicht gibt, dessen Erscheinen aber vielerorts sehnsüchtig erwartet wird. Die Rede ist vom sogenannten „Baikal-Flugzeug“, einem neunsitzigen Kurzstrecken-Turboprop, der auch auf Behelfsflugplätzen und Schnee operieren kann und dem bei der Verbindung der oft abgelegenen Dörfer in Russlands Weiten eine zentrale Rolle zukommt. Bisher wird diese Rolle in Russland noch immer maßgeblich von der unverwüstlichen Antonow An-2 ausgefüllt. Doch auch an dem fliegenden Fossil geht die Zeit nicht spurlos vorbei.



Baikal-Projekt (Ural Works)

Mit dem sogenannten Baikal-Flugzeug will Russlands Luftfahrtindustrie endlich einen Nachfolger für die Antonow An-2 anbieten.

Ein Nachfolger für die An-2

Seit Jahren arbeiten in Russland mehrere Firmen und Institutionen deshalb an einem geeigneten Nachfolger. Lange sah es so aus, als würde die TWS-2DTS des sibirischen Instituts SibNIA das Rennen machen. Die TWS-2DTS ähnelt im Design stark der An-2, besitzt jedoch eine Zelle aus Verbundwerkstoffen, ein Glascockpit sowie eine TPE331-Propellerturbine von Honeywell. Ihren Erstflug feierte die Maschine im Sommer 2018. Doch schon ein gutes Jahr später strich die russische Regierung das Programm – vor allem die Versorgung mit ausreichend Verbundwerkstoffen schien vor dem Hintergrund geltender Sanktionen problematisch.




Baikal-Projekt (Ural Works)

Die Kabine der LMS-901 ist für neun Passagiere ausgelegt.

Turboprop-Hochdecker mit Spornrad

Stattdessen favorisiert Russlands Luftfahrtindustrie seither einen Ganzmetall-Neuentwurf namens LMS-901. Dabei handelt es sich um einen Eindecker in Aluminiumbauweise mit hochliegender Tragfläche. Die LMS-901 besitzt, wie die An-2, ein Spornradfahrwerk, soll aber dank Turboprop-Antrieb etwa 300 km/h schnell und 1.500 Kilometer weit fliegen können. Als Triebwerk ist das russische VK-800 von Klimow vorgesehen. Kurzstart- und landeeigenschaften sind selbstredend ebenso Teil der DNA des Baikal-Flugzeuges wie die Bereitschaft, sich auch bei Wind, Wetter und sibirischer Kälte ohne schützenden Hangar im Freien aufzuhalten. Die betont einfache Konstruktion soll nicht nur Temperaturen von minus 55 bis plus 50 Grad Celsius trotzen, sondern auch Wartungsarbeiten auf entlegenen Flugplätzen erlauben.



Baikal-Projekt (Ural Works)

Wann die LMS-901 tatsächlich als echtes Flugzeug aus dem Hangar rollt, ist noch nicht klar. Bisher gibt es nur ein Windkanalmodell im Maßstab 1:7.

Unklarer Stand

Gebaut werden soll die LMS-901 von Ural Works in Ulan-Ude, wo in Lizenz auch die Let 410 entsteht. Das Baikal-Projekt wird vom russischen Ministerium für Industrie und Handel unterstützt, das den Start der Serienfertigung 2023 anpeilt. Neben der Passagierausführung sind auch Varianten für den Frachttransport sowie für Such- und Rettungseinsätze, die Agrarfliegerei und das Militär angedacht. Bislang allerdings existiert von der LMS-901 nicht einmal ein fertiger Prototyp. Lediglich Windkanalmodelle wurden bereits beim ZAGI, dem Zentralen Aerohydrodynamischen Institut in Schukowski, getestet. Verlässliche Informationen über den Fortschritt des Programms sind spärlich, wann der erste echte Prototyp endlich aus dem Hangar rollt, bleibt vorerst unklar. Ob Aurora Airlines tatsächlich wie geplant bis 2025 mit der LMS-901 in nennenswerter Stückzahl rechnen kann, muss sich deshalb erst noch zeigen.


UAV DACH: Beitrag im Original auf https://www.flugrevue.de/zivil/baikal-flugzeug-regional-carrier-aurora-setzt-auf-an-2-nachfolger/, mit freundlicher Genehmigung von FLUG REVUE automatisch importiert. Der Beitrag gibt nicht unbedingt die Meinung oder Position des UAV DACH e.V. wieder. Für die Inhalte ist der UAV DACH e.V. nicht verantwortlich.