Seit 30 Jahren fliegt die A310 mit der Kennung 10+23 für die Luftwaffe. Ihr Ende naht mit raschen Schritten – versüßt wird es mit einem bunt lackierten Jubiläumsleitwerk. Die Laufbahn der 10+23 begann jedoch nicht beim Militär, sondern bei Interflug in der DDR.

Auf ihre alten Tage kommt die 10+23 der Flugbereitschaft noch einmal ordentlich herum. Seit im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie über die Welt zog, hielten auch exotische Ziele wie Wuhan in China, Manaus in Brasilien oder Jerewan in Armenien Einzug ins Logbuch der A310-304. Galt es in Wuhan Anfang Februar 2020 noch, deutsche Staatsbürger aus dem mutmaßlichen Corona-Ursprungsherd nach Hause zu holen, ging es im Juli desselben Jahres mit Hilfsgütern und Ärzten an Bord in den Covid-Hotspot Armenien. Ende März 2021 schließlich brachte die 10+23 80 Beatmungsgeräte an den Amazonas, mit Zwischenstopp auf den Kapverden. Zurück in die Kölner Heimat ging es über Martinique und die Azoren. Flugstrecke insgesamt: 18.472 Kilometer.



Ein buntes Leitwerk für 30 Jahre Dienst

Nur aufmerksamen Beobachtern stach ins Auge, dass bereits im Laufe dieser Corona-Hilfsflüge der nahende Abschied der A310 aus den Diensten der Luftwaffe seine Schatten vorauswarf: Prangte bei den ersten Missionen noch schwarz auf Grau der Taufname „Kurt Schumacher“ am Bug der 10+23, so musste die Maschine Ende 2020 diesen Namen an die neue A350-900 10+03 abgeben, die der Bundesregierung nun für VIP-Flüge in alle Welt zur Verfügung steht. Ihre Reise nach Brasilien trat die A310 im März bereits namenlos an. Dafür erhielt sie einen Monat später, Ende April, immerhin ein buntes Heck als Entschädigung: Seither zieren die Silhouette einer A310 mit Kondensstreifen, der Kölner Dom und die Hohenzollernbrücke das Seitenleitwerk der 10+23. Der Schriftzug „30 Jahre“ steht daneben – und erinnert daran, dass vor genau 30 Jahren, am 1. Mai 1991, die Dienstzeit der A310 bei der Flugbereitschaft begann.


Die ersten Widebodies der DDR

Dem voran ging ein kurzes, aber international viel beachtetes Intermezzo als Passagierflugzeug. Denn die 10+23, Seriennummer 503, war ursprünglich eine von drei A310-304, die Airbus im Jahr 1989 an die DDR-Fluglinie Interflug auslieferte. Dieser Deal wurde maßgeblich vom damaligen Airbus-Aufsichtsratschef und langjährigen bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß eingefädelt. Für die Interflug war die A310 der erste Widebody, das erste westliche Flugzeugmuster überhaupt, und zugleich dasjenige mit der größten Reichweite. Das stellte der Carrier direkt unter Beweis: Am 21. November 1989 flog eine Interflug-A310 in 13:25 Stunden von Kumamoto auf der japanischen Insel Kyushu nach Berlin-Schönefeld. Nie zuvor hatte ein Airbus A310 eine derartige Strecke nonstop bewältigt, geschweigedenn in dieser kurzen Zeit.




Airbus / Archiv FLUG REVUE

1989 erhielt die Interflug drei A310-304. Es waren die ersten westlichen Flugzeuge für die DDR-Airline. Und die ersten Großraumjets.

Spezialversion A310-304

Die spätere 10+23 stieß am 30. Oktober 1989, elf Tage vor dem Fall der Mauer, zur Interflug-Flotte. Dort erhielt sie zunächst das Kennzeichen DDR-ABC. Ihre beiden Schwestermaschinen, die DDR-ABA und die DDR-ABB, flogen bereits seit Ende Juni 1989 für die DDR-Airline. Die Interflug setzte die A310 vor allem für Flüge von Berlin-Schönefeld nach Kuba ein, die bei idealen Bedingungen nonstop bewältigt wurden. Oft legten die Crews allerdings im irischen Shannon oder in Frankfurt einen Zwischenstopp ein, auch wenn die von Interflug eingesetzten A310-304 zusätzliche Tanks erhalten hatten und speziell für Reichweiten bis zu 10.000 Kilometern ausgelegt waren.


Aus DDR wird D

Mit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wechselten die DDR-Airbusse zunächst nur das Kennzeichen: Aus der DDR-ABC wurde so die D-AOAC. Noch einige wenige Monate blieb die A310 bei ihrem Schönefelder Dienstherrn, doch das Ende war bereits besiegelt. Am 30. April 1991 musste die Interflug offiziell den Betrieb einstellen. Die Airbus-Widebodies gingen – Ironie des Schicksals – an den einstigen Klassenfeind: die bundesdeutsche Flugbereitschaft. Am 1. Mai traten sie dort formal ihren Dienst an und erhielten die Taktischen Kennzeichen 10+21, 10+22 und 10+23. Während die beiden erstgenannten A310 bei Lufthansa Technik in Hamburg eine VIP-Kabine erhielten, flog die 10+23 bei der Luftwaffe ab September 1991 mit einer Economy-Kabine für 214 Passagiere.




Luftwaffe

Die 10+23 ist die einzige noch aktive A310 der Luftwaffe, die eine fest installierte Passagierkabine besitzt. Sie bietet 214 Personen Platz.

Nur die 10+23 blieb

Im Nachhinein betrachtet war das ihr „Glück“: Denn die beiden VIP-Schwestern sind beim Bund längst Geschichte. Sie wurden durch die größere A340-300 ersetzt. Eine Ex-Interflug-A310, die einstige 10+21, wurde 2014 zum Zero-G-Flugzeug für Parabelflüge umgebaut. Die 10+22 ging in den Iran. Nur die 10+23 fliegt bis heute für die Bundeswehr, neben drei (vormals vier) weiteren A310-300, die Mitte der 90er-Jahre von der Lufthansa kamen. Abseits der eingangs genannten Hilfsmissionen gehört vor allem der Truppentransport zum täglichen Brot der 10+23. Schließlich ist sie die einzige noch aktive A310 der Flugbereitschaft, die nicht auf den MRTT-Standard (Multi-Role Tanker Transport) umgerüstet wurde.



Letztes Kapitel

Doch egal ob MRTT- oder Pax-Ausführung: Die Zeit der A310 bei der Bundeswehr neigt sich unaufhaltsam ihrem Ende zu. Mit der 10+27 „August Euler“ wanderte die erste Vertreterin bereits im Frühjahr 2021 auf den Schrott, bis spätestens 2022 sollen auch die übrigen A310 Geschichte sein. Zwei werksneue A321LR werden in ihre Fußstapfen treten. Was dann mit der 10+23 und ihren Stiefschwestern von der Lufthansa im Einzelnen geschieht, ist nicht ganz klar. Allerdings ist jede der vier noch aktiven A310 der Luftwaffe deutlich über 30 Jahre alt. Den Großteil ihrer fliegerischen Laufbahn dürften sie deshalb alle hinter sich haben. Die 10+23 fliegt dem vermeintlichen Ende immerhin mit einem bunten Leitwerk entgegen.


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