Mit den jüngsten Bestellungen der US Navy und der Royal Australian Air Force hat Boeing nun Aufträge für über 175 P-8A. Auch die deutsche Marine will die Poseidon haben. Und in der Tat führt für Deutschland kaum ein Weg an diesem Flugzeug vorbei.

Kapitän zur See Thorsten Bobzin, Kommandeur der Marineflieger, ist sich sicher, „dass, ganz nüchtern betrachtet, einsatzbereite, verfügbare Seefernaufklärer für die Marine unverzichtbar bleiben. Denn: Kein anderes einzelnes System bietet diesen Mix aus Reichweite, Geschwindigkeit, Stehzeit, Sensor- und Waffenkombination, Fernmeldeanbindung und Verlegbarkeit“.


Pech nur, dass sich die Beschaffung von acht gebrauchten P-3C Orion aus den Niederlanden zum teuren Flop entwickelt hat. Das Verteidigungsministerium hat im letzten Jahr entschieden, die Modernisierung der Orion vorzeitig zu beenden und die Marineflugzeuge ab 2024 außer Dienst zu stellen. Als Grund hierfür wurden „die nicht mehr kalkulierbaren Gesamtkosten und die technischen Schwierigkeiten, die sich während der Modernisierungsmaßnahmen bei der Firma (Airbus in Manching) ergeben haben“, genannt.


Wegfall der P-3C Orion

„Eine durch den Wegfall der P-3C Orion entstehende Fähigkeitslücke, insbesondere zur weiträumigen und schnellen Unterwasserseekriegführung, kann nicht hingenommen werden“, wurde zugleich klargestellt. Konsequenz war eine Marktsichtung, „welche alle marktverfügbaren Plattformen berücksichtigt“. Diese ist allerdings nicht ganz einfach, denn die Analyse muss „neben der operationellen Bedarfsdeckung auch alle Wechselwirkungen auf das deutsch-französische Kooperationsvorhaben Maritime Airborne Warfare System (MAWS) bewerten“. Gemeint ist damit der beim Deutsch-Französischen Ministerrat 2017 gefasste Beschluss, ab etwa 2032 einen gemeinsamen Nachfolger für P-3C der Deutschen Marine und der Atlantique 2 der Marine nationale zu beschaffen.


P-8A Poseidon flies over Jacksonville


US Navy

Inzwischen sind alle zwölf Einsatzstaffeln der US Navy mit P-8A ausgerüstet.

US-Angebot für die Marine

Da es sich „nur“ um eine Übergangslösung handelt, kommen theoretisch vom Airbus C295 MPA über die ATR 72 bis zur Kawasaki P-1 und der Boeing P-8A Poseidon diverse Muster infrage, wobei kleinere, günstigere Flugzeuge zu „deutlichen Einbußen bei Reichweite, Stehzeit, Sensorik und Bewaffnung“ führen würden, wie Kapitän zur See Bobzin anmerkt. Zuletzt wurde nur noch die Wirtschaftlichkeit der ATR 72 von RAS und der P-8A untersucht. Darüber hinaus gab es ein französisches Angebot für vier Atlantique 2 des Standard 6 als Leihgabe, das allerdings ausgeschlagen wurde.


Defense Security Cooperation Agency

Am liebsten, das ist kein Geheimnis, hätte die Marine die P-8A Poseidon. Laut jüngster Auskunft der amerikanischen Defense Security Cooperation Agency würden fünf Poseidons inklusive Ausrüstung, Ersatzteilen, Wartungsausrüstung, Ausbildungsmitteln und logistischer Unterstützung mit 1,77 Milliarden Dollar (1,48 Mrd. Euro) zu Buche schlagen. Dafür erhielte man „das beste Seefernaufklärungsflugzeug der Welt“, so Boeing. „Als militärisches Derivat der Boeing 737 NG kombiniert die P-8 das modernste Waffensystem der Welt mit den Kostenvorteilen des meistgebauten Verkehrsflugzeugs der Welt“, heißt es aus Seattle. Das Geschäft scheint nun tatsächlich zu klappen: Der Bundestag genehmigte jüngst den Kauf von P-8A. Ob die „Interimslösung“ nach 2030 durch eine deutsch-französische Entwicklung auf Basis eines Airbus-Musters abgelöst wird ist eher zweifelhaft.


Maßgeschneidert für ihre Aufgabe

Alle P-8A Poseidon werden auf einer eigenen Taktstraße der 737-Fabrik in Renton montiert, bevor sie beim Militärbereich des Konzerns am Flughafen Boeing Field in Seattle mit ihren umfangreichen Systemen für die Aufklärung und die Bekämpfung von Über- und Unterwasserzielen ausgerüstet werden. Zu den Sensoren zählen dabei das AN/APY-10-Radar im Bug und der einziehbare MX-20HD-Sensorturm mit Infrarot- und TV-Kameras hoher Auflösung. Dazu kommt das Akustiksystem AN/AAQ-1(V)1 zur Auswertung von Sonarbojendaten.


Insgesamt 129 Sonarbojen können im hinteren Bereich der Kabine mitgeführt und über Revolvermagazine abgeworfen werden. Mit an Bord sind zudem das AN/AlQ-213 für die elektronische Kampfführung und der Täuschkörperwerfer AN/ALE-47 für den Selbstschutz. Versuche für die Integration eines geschleppten Täuschkörpers werden derzeit durchgeführt. Für die Kommunikation gibt es eine ganze Reihe von Funkgeräten, die unter anderem Link 11 und Link 16 unterstützen, sowie auch eine Satcom-Antenne.


AWO2 Marcano Conducts Flight OPS


US Navy

Sensoren und Waffen werden von fünf Bedienern kontrolliert.

Torpedos und Raketen

Für die Auswertung der Sensordaten und die Missionsplanung stehen in der Kabine fünf taktische Arbeitsstationen mit großen Bildschirmen bereit. Ganz „oldschool“ gibt es auch zwei große Fenster für Beobachter. Zusätzliche Sitze nehmen Crewmitglieder zur Ablösung auf langen Missionen auf, während im Cockpit mit zwei Mann geflogen wird.


Was die Bewaffnung betrifft, so verfügt die P-8A hinter den Tragflächen über einen Schacht zur Aufnahme von fünf Mk 54-Torpedos von Raytheon. Geplant ist, die Torpedos mithilfe eines Flügelkits (HAAWC = High Altitude Anti-Submarine Warfare Weapon Capability) auch aus großer Höhe abzuwerfen. Die Tests sollen 2021 abgeschlossen werden.


Für die Schiffsbekämpfung kann die Poseidon an Flügelstationen vier Boeing AGM-84D Harpoon tragen. Die 525 kg schweren Flugkörper sind mit einem 225 Kilogramm schweren Sprengkopf bestückt. Über die Harpoon hinaus wird derzeit die Integration der mit 950 Kilogramm deutlich schwereren Lockheed Martin AGM-158C (LRASM) vorangetrieben.



VP-46 Harpoon Flight


US Navy

Für die Schiffsbekämpfung hängen bis zu vier Harpoons unter den Tragflächen.

Kontinuierliche Verbesserungen

Auch über ein Jahrzehnt nach dem Erstflug am 25. April 2009 gehen die kontinuierlichen Verbesserungen der P-8A also weiter. Dies war in diesem Fall von Anfang an so vorgesehen, auch wenn sich die Details immer wieder geändert haben. Derzeit wird am „Increment 3“ gearbeitet, das die ECP (Engineering Change Proposal) 4 bis 7 abdeckt und bis etwa 2025 reicht. Zu den Upgrades gehören Punkte wie ein Software-Update des Minotaur (das die Verfolgung der durch die diversen Sensoren erfassten Ziele managt) ebenso wie Verbesserungen beim Einsatz der Sonarbojen und neue Funktionen des Satellitenfunks.


128 Flugzeuge für die Navy

Derweil läuft die Fertigung bei Boeing weiter. Inzwischen sind alle zwölf Einsatzstaffeln der US Navy von der P-3C auf die P-8A umgerüstet – als letzte wurde die VP-40 „Fighting Marlins“ auf der Naval Air Station Whidbey Island im Bundesstaat Washington im Mai 2020 für einsatzbereit erklärt. Die Gesamtzahl der Poseidon für die Navy wurde am 31. März durch eine finale Bestellung für weitere neun Flugzeuge auf 128 erhöht. Bei derselben Gelegenheit stockte die Royal Australian Air Force ihren Auftrag um 2 auf 14 Maschinen auf, die auf der Basis in Edinburgh stationiert sind.


Inline-Produktionsprozess

Länder, die ihre P-8A noch erwarten, sind Südkorea, Neuseeland und Norwegen. Der bei Spirit in Wichita gefertigte Rumpf der ersten norwegischen Maschine traf Mitte April in Renton ein. „Boeing nutzt einen bewährten Inline-Produktionsprozess, um das Flugzeug effizient zu bauen“, sagte Christian Thomsen, P-8A Europe Program Manager. „Die Implementierung etablierter Best Practices und gängiger, kommerzieller Produktionssystem-Tools ermöglicht es … die Durchlaufzeit und die Kosten zu reduzieren.“ Das Land wird seine erste P-8A daher voraussichtlich noch in diesem Jahr erhalten. Insgesamt werden fünf Poseidon die aktuelle norwegische Flotte von sechs P-3 Orion und drei Falcon 20 ersetzen.



Boeing

Ausrüstungslinie bei Boeing Defence.

P-8A Poseidon – die Kunden

Australien: 14 (ab November 2016)
Großbritannien: 9 (ab Oktober 2019)
Indien: 12 (in Indien ab Mai 2013)
Neuseeland: 4 (ab 2022/2023)
Norwegen: 5 (ab Ende 2021)
Südkorea: 6 (ab 2022)
USA: 128 (Serienflugzeuge ab Mai 2012)


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