Übernahmen in der Wirtschaft sind nicht selten Ergebnisse harten Konkurrenzkampfes. Zwei Unternehmen buhlen um die gleiche Klientel, eines der beiden kann durch Innovation einen Vorteil erringen, wird stärker und stärker und irgendwann hält sein Mitbewerber dem wirtschaftlichen Druck nicht mehr stand. Dann ist der Neuanfang unter dem Dach des einstigen Konkurrenten für die unterlegene Firma oft die einzige Möglichkeit, zu überleben.


Im Fall der jüngst verkündeten Übernahme von DG Flugzeugbau durch Volocopter liegen die Fakten anders. Hier gehen zwei Unternehmen zusammen, die schon seit vielen Jahren eine intensive Partnerschaft pflegen und sich nun für die Zukunft neu aufstellen wollen. Volocopter ist einer der Pioniere der Urban Air Mobility, entwickelt mit dem VoloCity ein elektrisch angetriebenes Flugtaxi für den Kurzstreckeneinsatz. DG Flugzeugbau, gegründet 1973 unter dem Namen Glaser-Dirks, ist einer der weltbekannten Hersteller von Segelflugzeugen mit viel Know-How im Bereich Faserverbundbau. Es kommen also zwei Firmen zusammen, die einander in Zukunft gut gebrauchen können: Ein etablierter Herstellungsbetrieb, der sein Geschäftsmodell angesichts von Marktsättigung und sinkender Zahlen von Segelflugsportlern schwinden sieht, und ein innovatives Technologieunternehmen, das die Kompetenzen seines Partners in Puncto Fertigung und Prozessoptimierung dringend braucht, um sein Produkt an den Markt zu bringen. Eine Fusion als Mischung aus Vernunftehe und Liebesheirat? Es scheint so.


Feiertag für beide Firmen

„Es ist für uns ein echter Feiertag, denn mit der Übernahme von DG Flugzeugbau können wir eine weitere Weiche auf unserem Weg in die Zukunft stellen“, sagte Florian Reuter, CEO bei Volocopter, in einem exklusiven Gespräch mit dem aerokurier. Die vergangenen Jahre intensiver und vertrauensvoller Zusammenarbeit hätten das Potenzial der Partnerschaft gezeigt, sodass es nun nur konsequent sei, diesen Schritt zu gehen. Dabei hat der gemeinsame Weg von DG und Volocopter lange Zeit vor Reuters Einstieg bei Volocopter begonnen.


Holger Back, CEO von DG Flugzeugbau, erinnert sich gut an die Anfänge. „Alex Zosel und Stephan Wolf hatten damals gerade ihren motorisierten Hüpfball gebaut und waren auf der Suche nach Partnern, um ihre Idee vom bemannten Multikopter zu verwirklichen. Die kamen zu uns und wollten wissen, ob man das nicht aus Faserverbundwerkstoffen bauen könnte und ob wir ihnen dabei helfen könnten. So spanned das ganze am Anfang war, so viele kritische Stimmen gab es im Unternehmen, die das für Spinnerei hielten. Aber das Potenzial war schon da.“




Volocopter

Der fliegende Hüpfball – Ursprung aller Volocopter.

Als Volocopter auf den Plan trat, hatte DG schon länger versucht, sich breiter aufzustellen und mit der DG Kunststofftechnik GmbH die eigenen Kompetenzen in der Arodynamik und der Verarbeitung von Faserverbundwerkstoffen auch auf andere Bereiche wie die Windenergiebranche ausgeweitet. „Wenn man zukunftsorientiert denkt, muss man solche Chancen erkennen und nutzen“, so Back. In der Folge unterstützte DG das junge Unternehmen beim Bau seiner Prototypen, darunter der VC200, der Volocopter 2X, die VoloDrone und aktuell des VoloCity sowie deren Zulassung.


Der VC200 war der erste Volocopter-Prototyp. Gebaut wurde er mit Unterstützung von DG Flugzeugbau.

Dass Volocopter am Anfang Juniorpartner gewesen sei und massiv von den Kompetenzen von DG Flugzeugbau profitiert habe, räumt auch Reuter unumwunden ein. Umso überraschender sei es für ihn, jetzt als der Big Player zu agieren und die einstigen Mentoren unter das Dach der eigenen Firmengruppe zu nehmen.


Neue Unternehmensstruktur

Um die Integration von DG Flugzeugbau in die Volocopter GmbH zu realisieren, wird zunächst eine neue Firma aus dem Traditionsunternehmen ausgegründet: die DG Aviation GmbH unter Leitung von Holger Back und Sebastian Tschorn. „Diese Firma übernimmt das Design Organisation Approval (DOA) und das Maintenance Organisatin Approval (MOA) von DG Flugzeugbau“, erklärt Holger Back. Hier werde künftig die Betreuung aller DG- und LS-Segelflugzeuge sowie Verkauf, Wartung und Service konzentriert. Bei DG Flugzeugbau, wo Holger Back vorerst im Führungsteam aktiv sein wird, verbleibt das Production Organisation Approval (POA), also die Zulassung als Herstellungsbetrieb.


Den Verpflichtungen gegenüber Käufern, die eine DG-1000 oder eine LS8 bestellt haben, wird die als Tochter der Volocopter GmbH agierende DG Flugzeugbau vollumfänglich nachkommen, erklärt Florian Reuter, und Holger Back ergänzt, dass durch entsprechende Verträge geregelt werde, dass die DG Aviation GmbH Produktionskapazitäten der DG Flugzeugbau in Anspruch nehmen könne. „Für die Kunden von DG ändert sich nichts, abgesehen vielleicht vom Name auf den Briefköpfen.“




DG Flugzeugbau

Produktion von Teilen in Faserverbundbauweise ist die Kernkompetenz von DG Flugzeugbau.

Ein rasches Auslaufen der Flugzeugproduktion in Bruchsal ist indes nicht zu befürchten. „Wir haben aktuell einen Auftragsbestand für gute zwei Jahre“, sagt Holger Back und ergänzt, dass DG schon in den vergangenen Jahren angesichts einer eintretenden Sättigung des Marktes Nischen neben dem reinen Neubau von Segelflugzeugen gesucht habe, um die Perspektive des Unternehmens zu sichern. So seien vor allem Optimierungen für LS- und DG-Flugzeuge wie beispielsweise die neo-Winglets entwickelt wurden oder die Integration des Elektroantriebes FES. „Bis Volocopter in großem Umfang Produktionskapazitäten benötigt, läuft der Flugzeugbau weiter, allein schon, um die Anforderungen des POA zu erfüllen, dass kontinuierliche Produktionsaktivitäten verlangt. Ein definitives Ende Neuproduktion von DG- und LS-Flugzeugen ist aktuell nicht terminierbar, aber die deutliche Reduktion wäre auch ohne Volocopter gekommen“, so Back.


Vielmehr – und da sind sich Florian Reuter und Holger Back einig – biete die neue Struktur für alle Beteiligten die besten Zukunftschancen. „Wir können damit nicht nur sicherstellen, dass es für alle Mitarbeiter weiter geht, sondern auch vorwegnehmen, dass weitere Investitionen am Standort Bruchsal folgen werden“, so Reuter. Das beziehe sich auf die Produktionskapazitäten, aber auch auf die Infrastruktur am Flugplatz Bruchsal. Mit der Stadt sei man im intensiven Austausch dazu und die Signale seien durchaus positiv. „Wir sehen Bruchsal als die Keimzelle unserer Innovationen. Hier sollen die Blueprints für die technische und wirtschaftliche Entwicklung von Volocopter entstehen.“ Damit nimmt Reuter vorweg, dass auch Produktionen an anderen Standorten erwogen werden, wobei er betont, dass die ersten VoloCity der Serienproduktion in Bruchsal entstehen sollen.




Volocopter

Die EASA-Zulassung für den VoloCity avisiert Volocopter für Ende 2023.

Änderungen ab Spätsommer

Die jetzt begonnen Umstrukturierung – im Zuge derer sich auch Friedel Weber aus der Gesellschafterstruktur zurückzieht – wird spätestens im Spätsommer rechtlich wirksam, wenn alle Genehmigungen entsprechend umgeschrieben sind. Für Volocopter ist damit ein Meilenstein im Zeitplan erreicht, der das Type Certificate für den VoloCity für Ende 2023 vorsieht. Die Formensätze existieren bereits, mit einem Erstflug wird in nicht allzu ferner Zukunft gerechnet. Zum Start sollen etwa zehn Fluggeräte fertiggestellt sein, allerdings plant Volocopter, die Produktion innerhalb der ersten drei Jahre auf bis zu 100 Stück hochzufahren und dabei verstärkt auf Inputs aus dem Automotive-Bereich sowie moderne Technologien wie beispielsweise Prepregs zu setzen.


Bezüglich der Batterien, einem der potenziellen Showstopper für jegliche Projekte im Bereich elektrischer Fluggeräte für die Urban Air Mobility, gibt sich Reuter gelassen. „Wir rechnen mit den Leistungen, die wir sicher haben. Aber wenn sich neue Technologien als sicher und praktisch einsetzbar erweisen, werden wir sie ganz sicher integrieren.“


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